Elektronische Demokratie
Impulsreferat von Monika Bargmann beim Eisenstädter
Demokratie-Café, 30. November 2004
URL: http://www.8ung.at/library_mistress/edemocracy-impulsreferat.html
Traditionelle Massenmedien
wie Radio, Fernsehen und Zeitungen bieten nur Einwegkommunikation. Einem
Sender von moderierter Information steht eine Vielzahl von passiven Empfängern
gegenüber. Heutzutage ist im kommerziellen Zusammenhang aber auch
immer öfter von interaktivem Fernsehen die Rede. Das ist aber nicht
unbedingt etwas Neues. Ich möchte mit einem Zitat aus einem Buch beginnen,
das vor über dreißig Jahren, nämlich 1972, erschienen ist.
Es stammt von Helmut Krauch und heißt "Die Computer-Demokratie. Hilft
uns die Technik entscheiden?" 1
Computerdemokratie wird
darin folgendermaßen definiert: "Hierunter wird ein strukturiertes
und gut organisiertes Staatswesen verstanden, bei dem die wichtigsten Fragen
nach gründlicher Vordiskussion über Funk und Fernsehen durch
direkte Abstimmung entschieden werden. Die vielen tausend Einzelprobleme
(mit denen sich heute Regierung und Parlament nur zum Teil beschäftigen
können) werden arbeitsteilig von statistisch repräsentativ ausgewählten
Bürgergruppen sorgfältig und unter Hinzuziehung des notwendigen
Fach- und Sachverstandes bearbeitet und entschieden. Computer-Demokratie
wird dieses System nur deswegen genannt, weil es sich für die notwendigen
Kommunikationen und Abstimmungen der Elektronik bedient".
Es gab in den sechziger
und siebziger Jahren einige Versuche, bei denen im Fernsehen Diskussionen
gezeigt wurden und die ZuschauerInnen die Möglichkeit hatten, über
Telephon ihre Meinung dazu zu sagen. Im Westdeutschen Rundfunk wurde dafür
das System ORAKEL getestet. Diese Abkürzung steht für Organisierte
Repräsentative Artikulation Kritischer Entwicklungs-Lücken. Heute
wird von elektronischer Demokratie eigentlich nur mehr im Zusammenhang
mit dem Internet gesprochen.
Ich möchte nun kurz
beschreiben, welche Möglichkeiten es eigentlich für elektronische
Demokratie gibt bzw. gäbe. Für den Bereich der elektronischen
Verwaltung wird oft die Dreiteilung Information - Kommunikation - Transaktion
verwendet. Diese Gliederung möchte ich auf elektronische Demokratie
umlegen.
Information
Der Publizistikprofessor Mark
Miller hat den berühmten Spruch "Big Brother is watching you" umgedreht
zu "Big Brother is you, watching" 3. Damit ist gemeint,
dass es wesentlich leichter geworden ist, sich über politische Themen
aus unterschiedlichsten Blickwinkeln zu informieren. Man ist nicht länger
ausschließlich auf die kurzen Ausschnitte in den Fernsehnachrichten
oder in den Zeitungen beschränkt.
So kann man die PolitikerInnen
auch von ihrer privaten Seite her kennenlernen, wenn man das wirklich möchte.
In einem Artikel in den Salzburger Nachrichten vom 2. Februar 2004 werden
vier Politikerwebsites verglichen. Zitat: "Falls Sie immer schon wissen
wollten, wie man eine ‚Gratinierte Almkäsesuppe' zubereitet, vergangenen
Donnerstag wär's ganz einfach gewesen: Da lief dieses Rezept als ‚Jörgs
Kochrezept des Tages' auf der Homepage des Kärntner Landeshauptmannes"
4.
Aber einmal abgesehen von
diesem Kuriosum: Ich kann jeder politisch Interessierten nur empfehlen,
einmal eine vollständige Nationalratsdebatte zum Thema ihrer Wahl
nachzuvollziehen. Teilweise werden die Debatten als Videostream live im
Netz übertragen, aber auf jeden Fall stehen die stenographischen Protokolle
wenig später auf der Parlamentswebsite zur Verfügung.
Es geht aber nicht nur darum,
sich zu informieren, sondern auch darum, selbst Information publizieren
zu können. Das Internet bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten,
selbst aktiv, selbst zur Senderin zu werden. Howard Rheingold sagt, dass
das Internet ein Kanal für Information sein kann, die es nie in die
Massenmedien geschafft hätte 5. Die Frage, ob es
für all die Sender auch Empfänger gibt, darf natürlich ebenso
gestellt werden wie die Frage, ob ein Sender ohne Empfänger überhaupt
ein Sender ist.
Es ist auch nicht mehr so
leicht, unliebsame Information verschwinden zu lassen. In diesem Zusammenhang
möchte ich den Begriff "Samizdat" erwähnen. Samizdat kommt aus
dem Russischen und bedeutet soviel wie Selbstverlag. Darunter versteht
man generell die Verbreitung alternativer, nicht systemkonformer Literatur
auf nichtoffiziellen Kanälen, also nicht im Buchhandel, sondern zum
Beispiel durch Abschreiben oder mündliche Weitergabe 6.
Heutzutage kann eine solche Publikation zum Beispiel durch Spiegeln auf
Servern in verschiedenen Ländern erfolgen. Selbst wenn ein Server
dann tatsächlich von einer diktatorischen Regierung abgeschaltet werden
sollte, ist es gut möglich, dass das Dokument schon tausendfach heruntergeladen
wurde oder auf Servern in anderen Ländern gespiegelt ist.
Eine konkrete Seite möchte
ich in diesem Zusammenhang erwähnen, und zwar Cryptome 7.
Dort werden verschiedenste Dokumente gehostet, die manche Leute lieber
nicht online sehen würden, z.B. Luftaufnahmen von militärischen
Einrichtungen, das Organigramm der National Security Agency, interne Kongressberichte
etc. Der Betreiber John Young bekommt deswegen immer wieder Anrufe und
eMails von der National Security Agency.
Kommunikation
Silke Sabitzer nennt die Möglichkeit
zur Bildung von Interessensgruppen über das Internet und die elektronische
Kommunikation in solchen Gruppen den wahrscheinlich demokratisierendsten
Aspekt von Informationstechnologie 8. Mag. Andreas Krisch
wird dazu mehr aus der Praxis erzählen, nämlich über eine
solche Interessensgruppe, den Verein vibe!at 9. Daher
nenne ich nur kurz einige Möglichkeiten: Auf Landes- und Bundesebene
haben alle PolitikerInnen eine persönliche eMail-Adresse, auch auf
Gemeindeebene. Statt den Ärger über eine unwillkommene politi-sche
Maßnahme hinunterzuschlucken oder an den zufällig anwesenden
Familien-mitgliedern auszulassen, könnte man seine Meinung einfach
dem zuständigen Politiker mitteilen. Man kann online Petitionen unterzeichnen,
zum Beispiel im Rahmen des "Urgent Action Network" 10
von Amnesty International. Heute in der Früh hab ich noch erfahren,
dass die ÖH eine Online-Unterschriftenaktion gegen das neue Hochschülerschaftsgesetz
gestartet hat 11. Auf der EU-Website kann man unter der
Rubrik "Your voice" 12 zu vorgegebenen Themen mitdiskutieren.
Transaktion
Unter Transaktion verstehe ich
im Bereich der elektronischen Demokratie einen Wahlvorgang. Derzeit können
in Österreich politische Wahlen nicht elektronisch durchgeführt
werden, weil in der Verfassung der Grundsatz der persönlichen Wahl
festgehalten ist. Das ist bei einer elektronischen Wahl nicht gewährleistet.
Die Wahlkarten sind da nur als Ausnahme gedacht. Elektronische Wahlen wären
derzeit nur bei Interessensvertretungen wie Arbeiterkammer oder Hochsch&uum;lerInnenschaft
möglich. Es gibt aber bereits Arbeitsgruppen im Innenministerium,
die sich mit eVoting beschäftigen. Bei der Änderung dieses Grundsatzes
wird vor allem eine Steigerung der Wahlbeteiligung bei den AuslandsösterreicherInnen
erhofft. Ob eine elektronische Stimmabgabe die Wahlbeteiligung tatsächlich
erhöht, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen. Es gibt
auch SkeptikerInnen, wie zum Beispiel Ithiel Pool, der sagt: "It is hard
to see what is gained by voting from the home, other than keeping the citizen
dry if it rains" 13. Es ist ja angeblich wirklich so,
dass manche Leute bei schlechtem Wetter nicht wählen gehen, also wäre
der trockene Bürger vielleicht doch zu begrüßen 14.
Probleme
Ich möchte nach der Kurzvorstellung
der Möglichkeiten auch wesentliche Probleme der elektronischen Demokratie
ansprechen.
Interesse der Politik
Für die Einrichtung neuer
demokratischer Beteiligungsformen wäre zunächst einmal ein Interesse
der Politik erforderlich. Wir haben im Rahmen unseres Forschungsprojekts
die parlamentarische Debatte zum eGovernment-Gesetz analysiert. Beim Diskurs
über eGovernment in Österreich stehen eindeutig Schlagwörter
wie Rationalisierung, Effizienz, Beschleunigung, moderne Verwaltung im
Vordergrund. Neue Formen demokratischer Mitbestimmung kommen praktisch
nicht vor. Demokratie braucht aber Zeit und kostet Geld und kann nur schwer
rationalisiert werden.
Interesse & Aufmerksamkeit
Auf der anderen Seite stehen
das Interesse, die Zeit und die Aufmerksamkeitsspanne der BürgerInnen.
In diesem Zusammenhang gefällt mir der Titel eines Artikels von Jason
Kitcat besonders gut: "I voted for Big Brother but I didn't vote the prime
minister in" 15. Sprich: bei der Fernsehsendung Big Brother
habe ich mitgestimmt, aber den Premierminister habe ich nicht gewählt.
Wer in einem Online-Forum
über Gentechnik qualifiziert mitdiskutieren will, muss sich sehr ausführlich
informieren. Das kostet wesentlich mehr Zeit, als wenn ich einfach die
mir sympathische Partei wähle und meine politischen RepräsentantInnen
darüber entscheiden lasse.
Auch die Aufnahmefähigkeit
ist begrenzt. Man spricht ja schon von einer "Aufmerksamkeitsökonomie"
16.
Natürlich kann man sich ausführlich informieren, aber dazu braucht
man wieder Zeit und, salopp formuliert, freie Speicherkapazität im
Gehirn. Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Ich habe zahlreiche
eGovernment-Newsletter abonniert, bekomme die wichtigsten Informationen
also bequem ins Haus geliefert, aber manchmal schaffe ich nicht mehr, als
die Newsletter in die richtigen Ordner zu verschieben.
Digital divide
Krauch fordert für die
Computerdemokratie statistisch repräsentativ ausgewählte Bürgergruppen,
damit auch alle Minderheiten beteiligt sind und nicht nur eine Elite daran
teilnehmen kann. Beim ORAKEL in den Sechzigern war das Problem, dass damals
nur zwanzig Prozent der Deutschen einen Telephonanschluss hatten. Bei der
Internetverbreitung in Österreich liegen wir zwar mittlerweile besser
- 40 Prozent haben zuhause einen Internetanschluss, die Zahl der Internetnutzer
liegt weit höher 17 - aber auch wenn der Durchschnitts-Internetuser
sich schön langsam vom männlichen Universitätsabsolventen
unter 35 wegentwickelt, können noch lange nicht alle an diesen neuen
Möglichkeiten teilhaben. Mit den Ursachen dafür werden wir uns
beim nächsten Demokratie-Café 18 ausführlicher
beschäftigen - aber als Bibliothekarin muss ich an dieser Stelle noch
anmerken, dass die öffentlichen Bibliotheken in diesem Bereich eine
wichtige Aufgabe HÄTTEN.
Thomas Hart von der Bertelsmann-Stiftung
sagt: "Wenn alles gut läuft und die Konzepte sukzessive verbessert
werden, wird Deutschland [ersetze durch Österreich] eine Demokratie
werden, in der es für Bürger mehr Möglichkeiten gibt, sich
in die Diskussionsprozesse einzubringen und sich selbst über politische
Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten". 19
Wir sollten uns aber nicht
darauf verlassen, dass von selbst alles gut läuft. Daher lautet mein
persönlicher Schluss: Entdecke die Möglichkeiten!
Anmerkungen
1 Helmut Krauch:
"Die Computer-Demokratie. Hilft uns die Technik entscheiden?" München:
Goldmann 1972 (=Goldmann Politik + Zeitgeschehen)
2 Krauch:
Computer-Demokratie, S. 135
3 u.a. auf
http://www.electrablue.com/bluesky/qube/orwellhuxley.html
4 Inge Baldinger:
"Was tät i ohne Internet". In: Salzburger Nachrichten, 2. Februar
2004, S. 3. Vgl. auch Lisa Nimmervoll: "Konservative Seiten mit persönlicher
Nische". In: Der Standard, Inland, 29. Jänner 2004, S. 7
5 Zitiert
nach: Silke Sabitzer: The impact of information technology on democratic
powers. In: normative.zusammenhaenge.at
6 Vgl. u.a.
Eintrag bei Wikipedia, http://de.wikipedia.org/wiki/Samizdat
7 Cryptome,
http://cryptome.org
8 Silke
Sabitzer: The impact of information technology on democratic powers. In:
normative.zusammenhaenge.at
9 VIBE!AT,
http://www.vibe.at/
10 Amnesty
International Urgent Action Network, http://www.amnesty.org/urgentaction
11 Österreichische
HochschülerInnenschaft, http://www.oeh.ac.at/
12 Europäische
Union, Your Voice http://europa.eu.int/yourvoice/
13 Zitiert
nach: Scott London: Electronic Democracy. A Literature Survey. A Paper
Prepared for the Kettering Foundation, March 1994, http://www.scottlondon.com/reports/ed.html
14 Vgl.
Christine Lugmayr: "Sonnenschein schadet den Grünen". In: Die Presse,
5. Juni 2004, http://www.diepresse.co.at/Artikel.aspx?channel=p&ressort=euw&id=425300
15 Jason
Kitcat: " 'I voted for Big Brother, but I didn't vote the Prime Minister
in'. Political Apathy, Voting Systems and the future of Democracy". 2001,
http://www.j-dom.org/h/n/WRITING/edemocracy/ALL/44/
16 u.a.
bei Esther Dyson
17 Statistik
Austria: Hauptergebnisse der Europäischen Erhebung über den Einsatz
von Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) in Haushalten 2004
in Österreich, http://www.statistik.at/fachbereich_forschung/ikt_txt.shtml
18 Demokratie-Café
"Digital Divide(s) - Informationelle Ungleichheit und Demokratie", 9. Dezember
2004, 14 - 17 Uhr, Café Mendez in Eisenstadt, Pfarrgasse 10 - Medienkompetenz
und die Zugangsmöglichkeiten zum Internet sind in der Gesellschaft
ungleich verteilt. Stellt das ein Problem für westliche Demokratien
dar? Es diskutieren Fritz Betz (Fachhochschul-Studiengang Informationsberufe),
Ilkim Erdost (Parlamentarische Mitarbeiterin des SPÖ-Klubs, Absolventin
des Studiengangs Informationsberufe), Markus Mayr, Stefan Pohl und Benedikt
Unger (Studenten des Studiengangs Informationsberufe).
19 Tobias
Ernst: " 'Deutschland wird nicht zur E-Democracy werden'. Interview mit
Thomas Hart". In: politik digital, 8. Oktober 2003, http://www.politik-digital.de/egovernment/partizipation/doss3te.shtml
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