Monika Bargmann: Liebe Zuseherinnen und Zuseher, ich darf Sie herzlich zu einer weiteren Ausgabe der Sendung "Informationsethik aktuell" begrüßen. Aus Anlaß des 250. Geburtstages der Enzyklopädie befassen wir uns heute mit diesem Meisterwerk der Aufklärung. Begrüßen Sie mit mir eine hochkarätige Runde: Es ist uns gelungen, Jean le Rond d'Alembert, einen der Herausgeber der Enzyklopädie, und den Chevalier de Jaucourt, Verfasser von 17.000 Artikeln der Enzyklopädie, live in unsere Sendung zuschalten zu können. [Applaus] Außerdem wird uns Robert Darnton, ein Experte für europäische Geschichte im allgemeinen und das Frankreich des 18. Jahrhunderts im speziellen von der Princeton University, hier im Studio begleiten. [Applaus] Zudem konnten wir Ronald Grimsley, Verfasser einer Biographie über d'Alembert, und Franz M. Eybl, außerordentlichen Professor für Germanistik an der Universität Wien, zur Mitwirkung gewinnen. [Applaus]
Monika Bargmann:
Jean le Rond d'Alembert wurde am 17. November 1717 als uneheliches Kind
geboren und wurde von seiner Mutter in einer Holzschachtel auf den Stufen
der Kirche St. Jean Lerond ausgesetzt. Nach dieser Kirche wurde er benannt.
Sein Vater war ein Offizier, der zu dieser Zeit außerhalb Paris'
weilte, sich aber sofort nach seiner Rückkehr auf die Suche nach seinem
Sohn machte und ihn der Madame Rousseau anvertraute, die d'Alembert als
seine eigentliche Mutter betrachten sollte.
Cher Monsieur d'Alembert,
trotz Ihrer wissenschaftlichen Arbeiten auf vielen Gebieten wird Ihr Name
heutzutage meistens mit der Enzyclopädie in Verbindung gebracht. Deswegen
hoffe ich auch im Namen unseres Publikums, im Gespräch mit Ihnen darüber
einiges zu erfahren. Vielleicht könnten wir damit beginnen, daß
Sie uns sagen, was Ihrer Meinung nach die Enzyclopädie überhaupt
ist oder zu sein beabsichtigt.
d'Alembert: Das
Werk verfolgt ein doppeltes Ziel: als Enzyklopädie soll es, soweit
dies möglich ist, Aufbau und Zusammenhang der menschlichen Kenntnisse
aufzeigen; als Methodisches Sachwörterbuch der Wissenschaften, Künste
und Gewerbe soll es von Wissenschaft und Künsten - freien wie mechanischen
- die allgemeinen Prinzipien enthalten, auf denen sie beruhen, und darüber
hinaus über die wichtigsten Einzelheiten berichten. Der gesamte Stoff
der Enzyklopädie läßt sich in drei Hauptzweige aufteilen:
in die Wissenschaften, die freien Künste und die mechanischen Künste.
Monika Bargmann:
Ursprünglich hatte es sich ja bei dem Projekt nur um eine Übersetzung
der englischen "Cyclopedia: or, An universal dictionary of arts and sciences"
von Ephraim Chambers gehalten, aus dem sich dann das umfangreiche eigenständige
Vorhaben entwickelt hat. Was halten Sie mittlerweile von Ihrer eigentlichen
Grundlage?
d'Alembert: Wir
verweigern diesem Autor durchaus nicht die geschuldete Gerechtigkeit. Er
hat den Vorteil der enzyklopädischen Anordnung bzw. der Verkettung
wohl erkannt. Wir gestehen ihm zu, daß Plan und Absicht seines Wörterbuches
vorzüglich sind und daß, wenn die Ausführung bis zu einem
gewissen Grad der Vollendung gediehen wäre, es für sich allein
mehr zum Fortschritt der wahren Wissenschaft beitragen würde als die
Hälfte aller vorliegenden Bücher zusammengenommen. Aber trotz
aller Dankbarkeit dem Verfasser gegenüber, soll man denn wirklich
glauben, daß alles, was zur Wissenschaft und Kunst gehört, in
zwei Folio-Bände zusammengefaßt werden kann? Wir haben ungeheuer
viele Lücken im Gebiet der Wissenschaften gefunden; bei den freien
Künsten stand oft nur ein Wort, wo ganze Seiten erforderlich wären,
und die mechanischen Berufe ließen schlechthin alles zu wünschen
übrig. Chambers hat zwar Bücher gelesen, aber wohl kaum Künstler
zu sehen bekommen. Außerdem verhält es sich mit den Lücken
hier anders als in einem anderen Werk. Die Auslassung eines Artikels in
einem Wörterbuch läßt dieses einfach unvollständig
erscheinen. In einer Enzyklopädie dagegen durchbricht sie die Kette
der Zusammenhänge und schadet der Form und der Sache. Es hat der ganzen
Kunst eines Ephraim Chambers bedurft, solche Mängel zu vertuschen.
Monika Bargmann:
War die Cyclopedia Ihre einzige Grundlage?
d'Alembert: Wir
erklären, daß das Werk Chambers' keinesfalls die einzige Grundlage
ist, auf der wir aufgebaut haben, daß wir sehr viele seiner Artikel
völlig umgearbeitet und von den übrigen fast keinen ohne Zusätze,
Berichtigungen oder Einschränkungen übernommen haben und daß
Chambers lediglich in der Reihe derjenigen Autoren zu nennen ist, die wir
besonders herangezogen haben.
Monika Bargmann:
An der Enzyklopädie haben im inhaltlichen Bereich über zweihundert
Personen mitgearbeitet, während Denis Diderot und Sie für die
Herausgeberschaft verantwortlich zeichneten. Wie sind Sie eigentlich vorgegangen
bei der Aufteilung der Arbeiten?
d'Alembert: Die
Enzyklopädie ist, wie Sie schon gesagt haben, das Werk einer Gemeinschaft
von Schriftstellern. Jeder unserer Mitarbeiter hat über den von ihm
übernommenen Bereich ein Wörterbuch zusammengestellt, und wir
haben alle diese Wörterbücher zu einem Gesamtwerk vereinigt.
Die Arbeit anderer blieb für uns aber unantastbar; und sollte im Lauf
der Herausgabe eine Ausarbeitung irgendwelche wesentlichen Veränderungen
zu verlangen scheinen, haben wir unbedingt den betreffenden Verfasser befragt.
Jede der verschiedenen zur Mitarbeit herangezogenen Hände hat den
einzelnen Artikeln sozusagen den Stempel ihres besonderen Stils aufgedrückt.
Monika Bargmann:
Sie legten dabei einen besonderen Wert auf die mechanischen Künste,
auf das Handwerk, sowohl im Text als auch vor allem im Bild, was Ihre Enzyklopädie
besonders einzigartig macht. Warum maßen Sie diesem bis zu jenem
Zeitpunkt vernachlässigten Bereich soviel Bedeutung bei?
d'Alembert: Die
Bevorzugung der freien vor den mechanischen Künsten ist zweifellos
in mehr als einer Beziehung ungerechtfertigt. Man hatte zuviel über
die Wissenschaften, nicht genügend Zutreffendes über die meisten
freien Künste und fast überhaupt nichts über die mechanischen
Kunstfertigkeiten geschrieben. Die von der Handarbeit abhängigen mechanischen
Künste überließ man denjenigen Menschen, die von den Vorurteilen
in die unterste Klasse verwiesen wurden. Die zwingende Not war für
diese Menschen weit häufiger die Triebfeder zu einer solchen Arbeit
als Neigung oder Begabung und wurde schließlich noch die Veranlassung,
sie geringzuschätzen; solchen Schaden fügt die Not allem zu,
was mit ihr in Berührung kommt. Die freie Geistesarbeit hingegen behielten
sich diejenigen vor, die sich in diesem Punkte für Schoßkinder
der Natur hielten.
Vielleicht wird
man jedoch gerade bei den Handwerkern die hervorragendsten Beweise für
den Scharfsinn, die Ausdauer und die geistigen Reserven finden. Die Gesellschaft
darf bei aller berechtigten Verehrung der großen Geister, durch die
sie zu klarem Wissen gelangt, keinesfalls die Hände geringschätzen,
die ihr Dienste leisten. Warum genießen die Handwerker, denen wir
die Spindel, die Hemmung und das Schlagwerk der Uhr zu verdanken haben,
nicht die gleiche Hochachtung wie diejenigen, deren Lebenswerk der Vervollkommnung
der Algebra gewidmet war? Die Erfindung des Kompasses hat der Menschheit
ebensolchen Nutzen gebracht, wie die Erklärung der Eigenschaften dieser
Nadel der Physik bringen würde.
Monika Bargmann:
Wie aber haben Sie Informationen über dieses Gebiet eingeholt, wenn
es doch bis zu diesem Zeitpunkt nicht sehr viel Literatur dazu gab?
d'Alembert: Wir
haben uns an die geschicktesten Arbeiter der Stadt Paris und des Königreiches
gewandt, haben uns der Mühe eines Besuchs ihrer Werkstätten,
ihrer Befragung und der Niederschrift nach ihrem Diktat unterzogen; wir
haben versucht, ihre Gedankengänge zu entwickeln und ihre Fachausdrücke
herauszuschälen, Tabellen aufzustellen, sie zu definieren, mit denjenigen
ins Gespräch zu kommen, von denen wir Denkschriften hatten erhalten
können; wie bemühten uns (eine fast unerläßliche Maßnahme),
in langen und wiederholten Gesprächen mit den einen zu verbessern,
was uns die anderen unvollständig, unklar und manchmal ungenau erklärt
hatten. Da man jedoch kaum gewöhnt ist, über die Handwerke zu
schreiben oder Schriften darüber zu lesen, war eine verständliche
Erklärung der Dinge ziemlich schwierig, und hieraus ergab sich die
Notwendigkeit von Zeichnungen. Wir haben Zeichner in die Werkstätten
geschickt. Man hat die Maschinen und Werkzeuge skizziert und nichts unberücksichtigt
gelassen, was zur Verdeutlichung dienen konnte.
Monika Bargmann:
Warum haben Sie für Ihre Enzyklopädie die alphabetische Ordnung
gewählt? Was sind Ihrer Meinung nach die Vorteile dieses Ordnungssystems?
d'Alembert: Es
schien uns bequemer und einfacher für unsere Leser zu sein, die das
Wort, über das sie sich zu unterrichten wünschen, leichter in
einem alphabetisch angelegten Wörterbuch als in irgendeinem anderen
finden können.
Monika Bargmann:
Wie haben Sie die enzyklopädische mit der alphabetischen Ordnung in
Einklang gebracht?
d'Alembert: Drei
Mittel haben wir hierzu angewandt: eine Übersichtstabelle am Beginn
des Werkes, Angabe der Wissenschaft, auf die sich die jeweiligen Artikel
beziehen, und die Behandlung der Artikel selbst. In der Regel ist nach
dem Wort, das den Gegenstand des Artikels angibt, der Name der dafür
in Frage kommenden Wissenschaft angegeben. Man braucht nur in der Übersichtstafel
nachzusehen, wo jene Wissenschaft eingeordnet ist, um die Stelle des Artikels
in der Enzyklopädie zu erfahren.
Die allgemeine
Einteilung ist zwangsläufig nicht frei von Willkür. Wir haben
nun eine Aufteilung gewählt, die unserer Meinung nach die enzyklopädische
Ordnung unseres Wissens und seine zeitliche Entstehung gleichzeitig in
hohem Maße berücksichtigt. Aber wir sind uns der in einer solchen
Aufstellung stets herrschenden Willkür zu stark bewußt, um unser
System für das einzig mögliche oder beste zu halten; es wird
uns hinreichend befriedigen, wenn unsere Arbeit von verständigem Urteil
nicht verworfen wird.
Monika Bargmann:
Wie steht der Stammbaum des Wissens, den Sie nach Art Francis Bacons erstellt,
jedoch grundlegend umgearbeitet haben, mit den einzelnen Artikeln in Zusammenhang?
d'Alembert: Man
könnte an eine Art Weltkarte denken, auf der die wichtigsten Länder,
ihre Lage und ihre Abhängigkeit voneinander sowie die Verbindung zwischen
ihnen in Luftlinie verzeichnet sind; diese Verbindung wird immer wieder
durch unzählige Hindernisse unterbrochen, die nur den Bewohnern oder
Reisenden des in Frage kommenden Landes bekannt sind und nur auf bestimmten
Spezialkarten verzeichnet werden können. Solche Spezialkarten stellen
nun die verschiedenen Artikel der Enzyklopädie dar, und der Stammbaum
oder die Gesamtübersicht wäre dann die Weltkarte. Die enzyklopädische
Ordnung setzt aber durchaus keine unmittelbare Zusammengehörigkeit
aller Wissenschaften voraus. Sie sind Zweige des gleichen Stammes, nämlich
des menschliches Verstandes. Diese Zweige sind oft keineswegs miteinander
verbunden, und bei vielen stellt der Stamm das einzige gemeinsame dar.
Monika Bargmann:
Welche Teile der Arbeit haben Sie persönlich übernommen?
d'Alembert: Ich
selbst habe alle Artikel über "Mathematik und Allgemeine Physik" verfaßt
oder durchgesehen und habe auch einige Artikel in den anderen Teilen -
wenn auch sehr wenige - ergänzt. Ich habe mir in den Abschnitten über
"Transzendentale Mathematik" einen allgemein-methodischen Geist und die
Angabe der besten Werke angelegen sein lassen, in denen man über jeden
Gegenstand die wichtigsten Einzelheiten findet, die ihrer Eigenart nach
in unserer Enzyklopädie keinen Eingang finden konnten; ich habe mich
bemüht, zu erklären, was mir ungenügend oder überhaupt
nicht geklärt schien, und schließlich für jedes Gebiet
nach Möglichkeit genaue, d.h. einfache metaphysische Prinzipien aufzustellen
versucht.
Monika Bargmann:
Wie stehen Sie zu Ihrem - mit Verlaub - viel berühmteren Herausgeberkollegen
Denis Diderot, wie schätzen Sie seine Rolle ein?
d'Alembert: So
beträchtlich meine Arbeit auch gewesen sein mag, sie ist doch mit
derjenigen meines Kollegen Diderot kaum zu vergleichen. Er ist der Verfasser
des umfassendsten, wichtigsten, vom Publikum gefragtesten und - ich wage
es zu behaupten - am schwierigsten abzufassenden Teiles dieser Enzyklopädie:
der Beschreibung der Künste. Er hat sich dieser Arbeit mit einem der
Glanzzeit der Philosophie würdigen Mut, mit einer für die Wissenschaft
ehrenvollen Uneigennützigkeit und einem Eifer gewidmet, der die Dankbarkeit
aller Freunde und Ausübenden der Wissenschaft und vor allem all derer
verdient, die sich zur Arbeit an der Enzyklopädie zusammengefunden
haben.
Monika: Ich glaube
fast, Sie sehen Ihre eigene Arbeit etwas zu bescheiden. Was sagen Sie als
Biograph dazu, Mr Grimsley?
Ronald Grimsley:
d'Alemberts frühe Tätigkeit war viel ausgedehnter und einflußreicher
als der Titel des Werkes oder seine eigenen bescheidenen Angaben glauben
machen. Sein Name wurde angeführt, um auch den skeptischsten Gelehrten
davon zu überzeugen, daß zumindest ein Teil des Vorhabens mit
der entsprechenden intellektuellen Tiefe durchgeführt wurde...
d'Alembert [unterbricht]: Genug der schmeichelnden Worte.
Monika Bargmann:
Sie waren selbst aufgrund Ihrer wissenschaftlichen Verdienste Mitglied
der Academie Royale des Sciences de Paris, der preußischen Akademie
der Wissen-schaften und der Königlichen Gesellschaft in London. Was
würden Sie sich für solche Gelehrtenvereinigungen wünschen?
d'Alembert: Derartige
Vereinigungen müssen einem Staat großen Gewinn bringen, vorausgesetzt,
daß man nicht durch übermäßig viele Neugründungen
einer allzu zahlreichen Mittelmäßigkeit in ihnen verschafft.
Man dürfte in ihnen keinerlei Standesunterschiede anerkennen, da diese
zur Fernhaltung oder Abschreckung derjenigen Männer führen würde,
die zur Belehrung der anderen berufen sind; man dürfte nur die geistige
Überlegenheit dort gelten lassen und Hochachtung als Preis für
die Leistung erweisen, und schließlich müßten die Begabten
in Besitz von Auszeichnungen kommen, ohne daß irgendwelche Intrigen
sie ihnen wieder vorenthalten.
Monika Bargmann:
Warum haben Sie sich eigentlich 1758, nach dem Erscheinen Ihres Artikels
"Genève", von der Herausgeberschaft zurückgezogen?
d'Alembert: Erinnern
Sie mich bitte nicht an diese unangenehme Sache.
Monika Bargmann:
Aber Herr d'Alembert, unser Publikum ist sehr interessiert an Ihren Beweggründen.
Ihr Artikel sorgte, wie wir erfahren haben, für große Aufregung,
weil Sie das herrschende Theaterverbot in Genf kritisierten und gleichzeitig
die religiöse Toleranz in der Stadt lobten...
d'Alembert: Das
stimmt. Ich ergriff Partei für den nicht angesehenen Schauspielerberuf
und für das Theater als sozialpädagogisches Instrument. Sowohl
in Genf als auch in ganz Frankreich erregte mein Artikel den heftigsten
Widerspruch. Sogar Jean-Jacques Rousseau fühlte sich bemüßigt,
eine heftige Entgegnung zu verfassen, in der er das Theater als Quell des
Sittenzerfalls brandmarkte und sich von uns Enzyklopädisten gänzlich
lossagte. Der Kampf mit den politischen Gegnern und die ständige Gefahr
staatlicher Sanktionen hatten mich zermürbt. Daraufhin legte ich meine
Herausgeberschaft zurück, ließ mich aber überzeugen, weiterhin
die Artikel in der Mathematik und Physik zu übernehmen. Auch unser
Kollege Voltaire stellte die Mitarbeit ein.
Monika Bargmann:
Was haben Sie denn über den Schauspielerstand geschrieben, das Herrn
Rousseau so aufregte?
d'Alembert: Das
barbarische Urteil gegenüber dem Beruf des Schauspielers, die von
uns bewirkte Herabwürdigung dieser Menschen, die für den Fortschritt
und die Erhaltung der Künste so notwendig sind, ist eine der Hauptursachen
für die Sittenlosigkeit, die wie ihnen vorwerfen; denn sie versuchen,
sich durch Vergnügungen dafür zu entschädigen, daß
ihr Stand sich keinerlei Achtung verschaffen kann. Bei uns wäre ein
Schauspieler, der gute Sitten hat, doppelt hochzuachten; doch ist man ihm
dafür kaum dankbar. Der Steuerpächter, der der öffentlichen
Armut Hohn spricht und von ihr zehrt, ein Höfling, der kriecht und
seine Schulden nicht bezahlt: das ist der Menschenschlag, den wir am meisten
ehren.
Monika Bargmann:
Der Geistlichkeit des calvinistischen Genf haben Sie vorbildliche Sitten
attestiert, während der Klerus in der Enzyklopädie an vielen
anderen Stellen nicht gut wegkommt. Wieso?
d'Alembert: Die
Geistlichkeit von Genf hat tatsächlich vorbildliche Sitten. Die Priester
leben in großer Einigkeit; man sieht sie nicht wie in anderen Ländern
erbittert über unverständliche Dinge streiten, sich gegenseitig
verfolgen, in ungehöriger Weise bei den Gerichten verklagen. Die Geistlichen
sind in Genf mehr als tolerant: Sie beschränken sich einzig und allein
auf ihre Aufgaben und geben als erste den Bürgern ein Beispiel in
der Unterwerfung unter die Gesetze.
Monika Bargmann:
Damit implizieren Sie, nein, Sie sagen eigentlich recht explizit, daß
dies beim Klerus in Ihrem eigenen Land nicht so ist. Zum Abschluß
noch eine Frage: Wie sehen Sie das Verhältnis von Philosophie und
Theologie?
d'Alembert: Obwohl
die Religion ausschließlich zur Regelung unserer Sitten und unseres
Glaubens bestimmt ist, hielten sie manche Theologen dafür geeignet,
uns auch über die Weltordnung aufzuklären, also über diejenigen
Gebiete, die uns der Allmächtige mit voller Absicht als Streitfragen
überlassen hat. Auf diese Art zwang man durch den Mißbrauch
der vereinten geistigen und weltlichen Autorität die Vernunft zum
Schweigen; und es fehlte nicht viel, um der Menschheit auch das Denken
zu verbieten. So sinnlos übrigens eine Religion auch sein mag, ist
ihr Untergang doch nie den Philosophen zuzuschreiben; denn wenn diese auch
die Wahrheit lehren, begnügen sie sich doch damit, sie zu zeigen und
zwingen niemand, sie anzuerkennen. Die erleuchteten Männer klären
das Volk auf; die begeisterten Schwärmer führen es in die Irre.
Monika Bargmann:
Herzlichen Dank für das erhellende Gespräch, Monsieur d'Alembert.
Kommen wir zu Ihnen, Chevalier de Jaucourt. Sie haben insgesamt unfaßbare
17.000 Artikel und damit etwa ein Viertel des Gesamttextes verfaßt.
Wurden Sie dafür eigentlich entsprechend entlohnt?
Jaucourt: Ich
bekam für meine Arbeit, die sich auf so unterschiedliche Gebiete wie
Medizin, Politik, Naturgeschichte, Geographie, Geschichte und Literatur
erstreckte, insgesamt 2750 livres - in Büchern - ausbezahlt. Ich mußte
sogar mein Haus verkaufen, um Sekretäre zu bezahlen, die für
die fristgerechte Herstellung der Manuskripte sorgten.
Monika Bargmann:
Monsieur Jaucourt, Sie sprechen sich in Ihrem Artikel "Presse" vehement
für eine freie Presse nach dem Beispiel Englands auch für das
absolutistisch regierte Frankreich aus. Können Sie uns das genauer
erklären?
Jaucourt: Gerne.
Man fragt, ob die Freiheit der Presse für einen Staat vorteilhaft
oder nachteilig sei. Die Antwort darauf ist nicht schwierig. Es ist von
größter Bedeutung, diese Gepflogenheit in allen Staaten zu bewahren,
die auf der Freiheit gegründet sind; ja noch mehr: Die Nachteile dieser
Freiheit sind ihren Vorteilen gegenüber so unbedeutend, daß
sie das allgemeine Recht der ganzen Welt sein sollte und daß es zweckmäßig
ist, es in allen Regierungen zuzulassen. Schließlich kann doch in
einem Land, wo sich die Regierung in einem Zustand der Unabhängigkeit
befindet, nichts den Aufruhr und die Schmähschriften dermaßen
vermehren, als wenn man den nicht gutgeheißenen Druck verbietet oder
irgend jemandem unbegrenzte Vollmachten gibt, als zu bestrafen, was ihm
mißfällt.
Monika Bargmann:
Ähnliche Ansichten vertreten Sie in Ihrem Artikel "Libelle" - "Schmähschrift"...
Jaucourt: Das
stimmt. Wenn die Lenker eines Staates keinen realen Anlaß zur Kritik
ihres Verhaltens geben, so haben sie von der Verleumdung und Lüge
nichts zu befürchten. Erhaben über jeden Vorwurf gehen sie zuversichtlich
ihren Weg und scheuen sich nicht, Rechenschaft über ihre Amtsführung
abzulegen: Die Pfeile der Satire fliegen also über ihre Köpfe
hinweg und fallen vor ihren Füßen nieder. Es wäre verkehrt,
vom Mißbrauch einer Sache auf die Notwendigkeit ihrer Vernichtung
zu schließen. Die Völker haben großes Unrecht von seiten
ihrer Könige und ihrer Richter erlitten; aber muß man aus diesem
Grunde das Königtum und die Gerichtshöfe abschaffen? Jedes Gut
ist gewöhnlich von einem Nachteil begleitet und läßt sich
nicht von ihm trennen. Es gilt nur zu bedenken, was ausschlaggebend ist,
und sich für den größeren Vorteil zu entscheiden.
Monika Bargmann:
Zu Ihrer Zeit wurde die Folter zuweilen in Strafprozessen angewandt. Auch
dagegen sprechen Sie sich aus...
Jaucourt: Ganz
abgesehen von der Stimme der Menschlichkeit, erfüllt die Folter nicht
den Zweck, zu dem sie bestimmt ist. Ganz im Gegenteil: sie ist eine zuverlässige
Erfindung, um einen Unschuldigen von schwacher und zarter Konstitution
zugrunde zu richten und einen Schuldigen von kräftiger Konstitution
zu retten. Jener Unglückliche, den Sie der Folter aussetzen, denkt
weniger daran, auszusagen, was er weiß, als sich von dem zu befreien,
was er verspürt.
Monika: Kommen wir
zu Ihnen, Mr Darnton. Ich werde Sie unserem Publikum kurz vorstellen. Sie
wurden 1939 in New York geboren, besuchten die Universitäten Oxford
und Harvard und lehren derzeit Geschichte an der Princeton University.
In mehreren bedeutenden Werken haben Sie sich mit der Enzyklopädie
und dem Frankreich vor der Revolution beschäftigt. Ich nenne da zum
Beispiel "Glänzende Geschäfte. Die Verbreitung von Diderots Encyclopedie
oder: Wie verkauft man Wissen mit Gewinn?"
Die Enzyklopädie
war in vielen Punkten eine sensationelle Neuerung. Da wären zum Beispiel
das geschickte Verweissystem, der Stammbaum der Wissenschaften, der die
Theologie unmittelbar neben der Schwarzen Magie und dem Aberglauben plaziert,
die Tatsache, daß dieses Werk trotz seines Umfanges und Preises ein
veritabler Bestseller wurde, und eben das große Augenmerk auf Handwerk
und Gewerbe, worüber uns Monsieur d'Alembert schon freundlichst Auskunft
erteilt hat. Können Sie uns noch etwas über diese Neuerungen
sagen?
Robert Darnton:
Dieses Buch war gefährlich. Es lieferte nicht lediglich Wissen über
Alles von A bis Z; es zeichnete die Kenntnisse nach philosophischen Prinzipien
auf, die d'Alembert in der "Einleitenden Abhandlung" dargelegt hatte. Unter
der Masse der 28 Foliobände der Enzyklopädie mit ihren 71.818
Artikeln und 2885 Tafeln liegt ein erkenntnistheoretischer Richtungswechsel,
der die Topographie allen menschlichen Wissens verwandelte. Ein Philosoph,
der den Versuch unternahm, die Grenzen der Welt des Wissens neu zu ziehen,
mußte mit Tabus in Berührung kommen. Selbst wenn er sakrosankte
Gegenstände vermied, konnte er der Gefahr nicht aus dem Weg gehen;
denn das Wissen ist inhärent mehrdeutig. Der Bruch mit den etablierten
Begriffen von Wissen und geistiger Autorität machte die Enzyklopädie
so ketzerisch. Hatten die Leser einmal diesen Bruch vollzogen, so konnten
sie durch das Werk verbreitet kleinere Ketzereien wahrnehmen. Es wurde
ein Spiel, sie zu finden.
Monika Bargmann:
Aber wie konnte man diese Ketzereien an den Zensoren vorbeischmuggeln?
Der vielzitierte Verweis vom Eintrag "Anthropophagie" - "Menschenfresserei"
zu den Artikeln "Kommunion" und "Eucharistie" ist doch ziemlich, sagen
wir mal, unorthodox und auffällig. Ah, jemand aus dem Publikum möchte
zu uns sprechen.
Günter Berger:
Danke, daß Sie mir das Wort erteilen. Ich bin Herausgeber eines Buches
mit ausgewählten interessanten Artikeln der Enzyklopädie. Man
mag sich heute noch über Diderots Kühnheit wundern, der sehr
offen über das Verweissystem sprach, über die Kühnheit,
die ja die Zensur geradezu auf dem Plan rufen mußte. Doch einschränkend
gilt es zu bedenken, daß schon vier Bände auf dem Markt waren,
bevor die Öffentlichkeit so eindeutige Informationen über die
Funktion der Querverweise erhält. Außerdem sprengt jene subversive
Form der Verweise fast immer die Grenzen eines Bandes; innerhalb eines
Bandes finden wir dagegen in der Regel nur harmlose Verweise. Da aber die
ersten sieben Bände bis zum Entzug des Privilegs immer einzeln den
Zensoren vorgelegt werden, weil sie einander in gewissem zeitlichem Abstand
folgen, sind den Zensoren die Hände gebunden, es sei denn, sie verfügten
im Blick auf zukünftige Bände über prophetische Gaben oder
riskierten es im Rückblick auf bereits erschienene, ihr positives
Urteil zu revidieren und sich damit lächerlich zu machen.
Monika Bargmann:
Danke für die Erklärung, Herr Berger. Herr Eybl, Sie haben sich
als Professor für Germanistik mit Buchgeschichte allgemein und auch
speziell mit der Enzyklopädie befaßt. Was sagen Sie zu den geschickt
plazierten Querverweisen?
Franz Eybl: Die
zum Teil subversiven Querverweise mit ihren Sackgassen oder Ironien konnten
in der Forschung als Umgehungsversuch der Zensur, als ästhetische
Verwirrungstechnik etc. beurteilt werden, stellen in jedem Falle aber ein
Verfahren dar, das die philosophische Souveränität zum Ausdruck
bringt. Das - so die Vorrede - unendliche System des Wissens ist in Wahrheit
das endliche eines abgeschlossenes Buches, doch mittels der Querverweise
ergibt sich die unendliche Kombinationsmöglichkeit des endlichen Wissens.
Robert Darnton: Ich möchte noch etwas zu dem Stammbaum des Wissens sagen. Diderot und d'Alembert wichen an mehreren bedeutsamen Stellen von Bacon ab. Indem man ihre Landkarte über die seine legt, lassen sich Verschiebungen in der Topographie des Wissens erkennen, die als Schlüssel zum Verständnis der Strategie dienen können, die der Encyclopédie zugrunde lag. Die mechanischen Künste besetzten einen riesigen Bereich des enzyklopädischen Baumes und bildeten den umfangreichsten und originellsten Teil der Encyclopédie selbst. Diderot und d'Alembert suchten nicht nach der Hand Gottes in der Welt, sondern studierten lieber die Menschen bei der Arbeit, mit welcher sie ihr eigenes Glück schmieden. Die größten Unterscheidungen waren aber im Bereich der Philosophie zu finden. Bei dem Baum der Enzyklopädie war die Philosophie nicht so sehr ein Zweig als vielmehr der Hauptstamm selbst. Und aus ihr wuchs auf einem recht entfernten Ästlein die "Offenbarungstheologie", und zwar inmitten einer Traube zweifelhafter Gegenstände: "Aberglauben", "Wahrsagerei", "Schwarze Magie", "die Wissenschaft von guten und bösen Geistern". In der Kartographie des Wissens hatte sich eine neue Dimension herausgebildet. Die Bedeutung steckte in der Form, und die Morphologie wurde zur Ironie.
Monika Bargmann:
Mr Darnton, Sie haben sich besonders ausführlich mit dem kommerziellen
Erfolg der Enzyklopädie befaßt. Wie weit verbreitet war denn
dieses 28bändige Werk, das mit 980 livres mehr als den Jahreslohn
eines Arbeiters kostete, und wie sehr profitierten die Verleger davon?
Robert Darnton:
Die Verleger machten ein Vermögen damit. Sie werden einen Gewinn von
2.500.000 livres eingestrichen haben. Für das 18. Jahrhundert sind
das aufsehenerregende Summen...
Monika Bargmann:...
vor allem, wenn man bedenkt, daß Diderot, der zwanzig Jahre lang
an dem Werk arbeitete und keine geringe Zeitspanne die alleinige Herausgeberschaft
innehatte und damit auch die Verantwortung über das Gesamtwerk trug,
mit gerade mal 80.000 livres abgespeist wurde.
Robert Darnton:
Exactly. Zu den Auflagen: Alle Druckerpressen der Verleger druckten vor
1789 etwa 24.000 Exemplare der Enzyklopädie. Zumindest 11.500 davon
erreichten die Leser in Frankreich. So wurde die Enzyklopädie zum
Bestseller im Lande ihres Ursprungs, wo sie auch die meisten Verfolgungen
zu erleiden hatte.
Monika Bargmann:
Wir haben noch eine Minute Sendezeit. Möchte jemand noch etwas sagen?
Wolf In der Maur:
Die Enzyklopädie ist das umfassendste, kritischeste und aggressivste
Kompendium der Aufklärung.
Monika Bargmann: Herr In der Maur, danke für diese Schlußworte. Wertes Publikum, ich bedanke mich ganz herzlich, daß Sie heute hier dabei waren. In der nun folgenden Ausgabe von "Schönheiten des Schwabenlandes" steht eine Reportage über Vorderbüchelberg auf dem Programm. Auf Wiedersehen, bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt "Informationsethik aktuell"!
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Alle Informationen und Zitate stammen aus den folgenden Büchern und wurden von mir ausgewählt, zusammengefügt und (mit so geringen Änderungen wie möglich) angepaßt, teilweise auch von mir übersetzt.
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