Informationsethik aktuell - eine Fernsehsendung

von Monika Bargmann

Monika Bargmann: Liebe Zuseherinnen und Zuseher, ich darf Sie herzlich zu einer weiteren Ausgabe der Sendung "Informationsethik aktuell" begrüßen. Aus Anlaß des 250. Geburtstages der Enzyklopädie befassen wir uns heute mit diesem Meisterwerk der Aufklärung. Begrüßen Sie mit mir eine hochkarätige Runde: Es ist uns gelungen, Jean le Rond d'Alembert, einen der Herausgeber der Enzyklopädie, und den Chevalier de Jaucourt, Verfasser von 17.000 Artikeln der Enzyklopädie, live in unsere Sendung zuschalten zu können. [Applaus] Außerdem wird uns Robert Darnton, ein Experte für europäische Geschichte im allgemeinen und das Frankreich des 18. Jahrhunderts im speziellen von der Princeton University, hier im Studio begleiten. [Applaus] Zudem konnten wir Ronald Grimsley, Verfasser einer Biographie über d'Alembert, und Franz M. Eybl, außerordentlichen Professor für Germanistik an der Universität Wien, zur Mitwirkung gewinnen. [Applaus]

Monika Bargmann: Jean le Rond d'Alembert wurde am 17. November 1717 als uneheliches Kind geboren und wurde von seiner Mutter in einer Holzschachtel auf den Stufen der Kirche St. Jean Lerond ausgesetzt. Nach dieser Kirche wurde er benannt. Sein Vater war ein Offizier, der zu dieser Zeit außerhalb Paris' weilte, sich aber sofort nach seiner Rückkehr auf die Suche nach seinem Sohn machte und ihn der Madame Rousseau anvertraute, die d'Alembert als seine eigentliche Mutter betrachten sollte.
Cher Monsieur d'Alembert, trotz Ihrer wissenschaftlichen Arbeiten auf vielen Gebieten wird Ihr Name heutzutage meistens mit der Enzyclopädie in Verbindung gebracht. Deswegen hoffe ich auch im Namen unseres Publikums, im Gespräch mit Ihnen darüber einiges zu erfahren. Vielleicht könnten wir damit beginnen, daß Sie uns sagen, was Ihrer Meinung nach die Enzyclopädie überhaupt ist oder zu sein beabsichtigt.
d'Alembert: Das Werk verfolgt ein doppeltes Ziel: als Enzyklopädie soll es, soweit dies möglich ist, Aufbau und Zusammenhang der menschlichen Kenntnisse aufzeigen; als Methodisches Sachwörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe soll es von Wissenschaft und Künsten - freien wie mechanischen - die allgemeinen Prinzipien enthalten, auf denen sie beruhen, und darüber hinaus über die wichtigsten Einzelheiten berichten. Der gesamte Stoff der Enzyklopädie läßt sich in drei Hauptzweige aufteilen: in die Wissenschaften, die freien Künste und die mechanischen Künste.

Monika Bargmann: Ursprünglich hatte es sich ja bei dem Projekt nur um eine Übersetzung der englischen "Cyclopedia: or, An universal dictionary of arts and sciences" von Ephraim Chambers gehalten, aus dem sich dann das umfangreiche eigenständige Vorhaben entwickelt hat. Was halten Sie mittlerweile von Ihrer eigentlichen Grundlage?
d'Alembert: Wir verweigern diesem Autor durchaus nicht die geschuldete Gerechtigkeit. Er hat den Vorteil der enzyklopädischen Anordnung bzw. der Verkettung wohl erkannt. Wir gestehen ihm zu, daß Plan und Absicht seines Wörterbuches vorzüglich sind und daß, wenn die Ausführung bis zu einem gewissen Grad der Vollendung gediehen wäre, es für sich allein mehr zum Fortschritt der wahren Wissenschaft beitragen würde als die Hälfte aller vorliegenden Bücher zusammengenommen. Aber trotz aller Dankbarkeit dem Verfasser gegenüber, soll man denn wirklich glauben, daß alles, was zur Wissenschaft und Kunst gehört, in zwei Folio-Bände zusammengefaßt werden kann? Wir haben ungeheuer viele Lücken im Gebiet der Wissenschaften gefunden; bei den freien Künsten stand oft nur ein Wort, wo ganze Seiten erforderlich wären, und die mechanischen Berufe ließen schlechthin alles zu wünschen übrig. Chambers hat zwar Bücher gelesen, aber wohl kaum Künstler zu sehen bekommen. Außerdem verhält es sich mit den Lücken hier anders als in einem anderen Werk. Die Auslassung eines Artikels in einem Wörterbuch läßt dieses einfach unvollständig erscheinen. In einer Enzyklopädie dagegen durchbricht sie die Kette der Zusammenhänge und schadet der Form und der Sache. Es hat der ganzen Kunst eines Ephraim Chambers bedurft, solche Mängel zu vertuschen.

Monika Bargmann: War die Cyclopedia Ihre einzige Grundlage?
d'Alembert: Wir erklären, daß das Werk Chambers' keinesfalls die einzige Grundlage ist, auf der wir aufgebaut haben, daß wir sehr viele seiner Artikel völlig umgearbeitet und von den übrigen fast keinen ohne Zusätze, Berichtigungen oder Einschränkungen übernommen haben und daß Chambers lediglich in der Reihe derjenigen Autoren zu nennen ist, die wir besonders herangezogen haben.

Monika Bargmann: An der Enzyklopädie haben im inhaltlichen Bereich über zweihundert Personen mitgearbeitet, während Denis Diderot und Sie für die Herausgeberschaft verantwortlich zeichneten. Wie sind Sie eigentlich vorgegangen bei der Aufteilung der Arbeiten?
d'Alembert: Die Enzyklopädie ist, wie Sie schon gesagt haben, das Werk einer Gemeinschaft von Schriftstellern. Jeder unserer Mitarbeiter hat über den von ihm übernommenen Bereich ein Wörterbuch zusammengestellt, und wir haben alle diese Wörterbücher zu einem Gesamtwerk vereinigt. Die Arbeit anderer blieb für uns aber unantastbar; und sollte im Lauf der Herausgabe eine Ausarbeitung irgendwelche wesentlichen Veränderungen zu verlangen scheinen, haben wir unbedingt den betreffenden Verfasser befragt. Jede der verschiedenen zur Mitarbeit herangezogenen Hände hat den einzelnen Artikeln sozusagen den Stempel ihres besonderen Stils aufgedrückt.

Monika Bargmann: Sie legten dabei einen besonderen Wert auf die mechanischen Künste, auf das Handwerk, sowohl im Text als auch vor allem im Bild, was Ihre Enzyklopädie besonders einzigartig macht. Warum maßen Sie diesem bis zu jenem Zeitpunkt vernachlässigten Bereich soviel Bedeutung bei?
d'Alembert: Die Bevorzugung der freien vor den mechanischen Künsten ist zweifellos in mehr als einer Beziehung ungerechtfertigt. Man hatte zuviel über die Wissenschaften, nicht genügend Zutreffendes über die meisten freien Künste und fast überhaupt nichts über die mechanischen Kunstfertigkeiten geschrieben. Die von der Handarbeit abhängigen mechanischen Künste überließ man denjenigen Menschen, die von den Vorurteilen in die unterste Klasse verwiesen wurden. Die zwingende Not war für diese Menschen weit häufiger die Triebfeder zu einer solchen Arbeit als Neigung oder Begabung und wurde schließlich noch die Veranlassung, sie geringzuschätzen; solchen Schaden fügt die Not allem zu, was mit ihr in Berührung kommt. Die freie Geistesarbeit hingegen behielten sich diejenigen vor, die sich in diesem Punkte für Schoßkinder der Natur hielten.
Vielleicht wird man jedoch gerade bei den Handwerkern die hervorragendsten Beweise für den Scharfsinn, die Ausdauer und die geistigen Reserven finden. Die Gesellschaft darf bei aller berechtigten Verehrung der großen Geister, durch die sie zu klarem Wissen gelangt, keinesfalls die Hände geringschätzen, die ihr Dienste leisten. Warum genießen die Handwerker, denen wir die Spindel, die Hemmung und das Schlagwerk der Uhr zu verdanken haben, nicht die gleiche Hochachtung wie diejenigen, deren Lebenswerk der Vervollkommnung der Algebra gewidmet war? Die Erfindung des Kompasses hat der Menschheit ebensolchen Nutzen gebracht, wie die Erklärung der Eigenschaften dieser Nadel der Physik bringen würde.

Monika Bargmann: Wie aber haben Sie Informationen über dieses Gebiet eingeholt, wenn es doch bis zu diesem Zeitpunkt nicht sehr viel Literatur dazu gab?
d'Alembert: Wir haben uns an die geschicktesten Arbeiter der Stadt Paris und des Königreiches gewandt, haben uns der Mühe eines Besuchs ihrer Werkstätten, ihrer Befragung und der Niederschrift nach ihrem Diktat unterzogen; wir haben versucht, ihre Gedankengänge zu entwickeln und ihre Fachausdrücke herauszuschälen, Tabellen aufzustellen, sie zu definieren, mit denjenigen ins Gespräch zu kommen, von denen wir Denkschriften hatten erhalten können; wie bemühten uns (eine fast unerläßliche Maßnahme), in langen und wiederholten Gesprächen mit den einen zu verbessern, was uns die anderen unvollständig, unklar und manchmal ungenau erklärt hatten. Da man jedoch kaum gewöhnt ist, über die Handwerke zu schreiben oder Schriften darüber zu lesen, war eine verständliche Erklärung der Dinge ziemlich schwierig, und hieraus ergab sich die Notwendigkeit von Zeichnungen. Wir haben Zeichner in die Werkstätten geschickt. Man hat die Maschinen und Werkzeuge skizziert und nichts unberücksichtigt gelassen, was zur Verdeutlichung dienen konnte.

Monika Bargmann: Warum haben Sie für Ihre Enzyklopädie die alphabetische Ordnung gewählt? Was sind Ihrer Meinung nach die Vorteile dieses Ordnungssystems?
d'Alembert: Es schien uns bequemer und einfacher für unsere Leser zu sein, die das Wort, über das sie sich zu unterrichten wünschen, leichter in einem alphabetisch angelegten Wörterbuch als in irgendeinem anderen finden können.

Monika Bargmann: Wie haben Sie die enzyklopädische mit der alphabetischen Ordnung in Einklang gebracht?
d'Alembert: Drei Mittel haben wir hierzu angewandt: eine Übersichtstabelle am Beginn des Werkes, Angabe der Wissenschaft, auf die sich die jeweiligen Artikel beziehen, und die Behandlung der Artikel selbst. In der Regel ist nach dem Wort, das den Gegenstand des Artikels angibt, der Name der dafür in Frage kommenden Wissenschaft angegeben. Man braucht nur in der Übersichtstafel nachzusehen, wo jene Wissenschaft eingeordnet ist, um die Stelle des Artikels in der Enzyklopädie zu erfahren.
Die allgemeine Einteilung ist zwangsläufig nicht frei von Willkür. Wir haben nun eine Aufteilung gewählt, die unserer Meinung nach die enzyklopädische Ordnung unseres Wissens und seine zeitliche Entstehung gleichzeitig in hohem Maße berücksichtigt. Aber wir sind uns der in einer solchen Aufstellung stets herrschenden Willkür zu stark bewußt, um unser System für das einzig mögliche oder beste zu halten; es wird uns hinreichend befriedigen, wenn unsere Arbeit von verständigem Urteil nicht verworfen wird.

Monika Bargmann: Wie steht der Stammbaum des Wissens, den Sie nach Art Francis Bacons erstellt, jedoch grundlegend umgearbeitet haben, mit den einzelnen Artikeln in Zusammenhang?
d'Alembert: Man könnte an eine Art Weltkarte denken, auf der die wichtigsten Länder, ihre Lage und ihre Abhängigkeit voneinander sowie die Verbindung zwischen ihnen in Luftlinie verzeichnet sind; diese Verbindung wird immer wieder durch unzählige Hindernisse unterbrochen, die nur den Bewohnern oder Reisenden des in Frage kommenden Landes bekannt sind und nur auf bestimmten Spezialkarten verzeichnet werden können. Solche Spezialkarten stellen nun die verschiedenen Artikel der Enzyklopädie dar, und der Stammbaum oder die Gesamtübersicht wäre dann die Weltkarte. Die enzyklopädische Ordnung setzt aber durchaus keine unmittelbare Zusammengehörigkeit aller Wissenschaften voraus. Sie sind Zweige des gleichen Stammes, nämlich des menschliches Verstandes. Diese Zweige sind oft keineswegs miteinander verbunden, und bei vielen stellt der Stamm das einzige gemeinsame dar.

Monika Bargmann: Welche Teile der Arbeit haben Sie persönlich übernommen?
d'Alembert: Ich selbst habe alle Artikel über "Mathematik und Allgemeine Physik" verfaßt oder durchgesehen und habe auch einige Artikel in den anderen Teilen - wenn auch sehr wenige - ergänzt. Ich habe mir in den Abschnitten über "Transzendentale Mathematik" einen allgemein-methodischen Geist und die Angabe der besten Werke angelegen sein lassen, in denen man über jeden Gegenstand die wichtigsten Einzelheiten findet, die ihrer Eigenart nach in unserer Enzyklopädie keinen Eingang finden konnten; ich habe mich bemüht, zu erklären, was mir ungenügend oder überhaupt nicht geklärt schien, und schließlich für jedes Gebiet nach Möglichkeit genaue, d.h. einfache metaphysische Prinzipien aufzustellen versucht.

Monika Bargmann: Wie stehen Sie zu Ihrem - mit Verlaub - viel berühmteren Herausgeberkollegen Denis Diderot, wie schätzen Sie seine Rolle ein?
d'Alembert: So beträchtlich meine Arbeit auch gewesen sein mag, sie ist doch mit derjenigen meines Kollegen Diderot kaum zu vergleichen. Er ist der Verfasser des umfassendsten, wichtigsten, vom Publikum gefragtesten und - ich wage es zu behaupten - am schwierigsten abzufassenden Teiles dieser Enzyklopädie: der Beschreibung der Künste. Er hat sich dieser Arbeit mit einem der Glanzzeit der Philosophie würdigen Mut, mit einer für die Wissenschaft ehrenvollen Uneigennützigkeit und einem Eifer gewidmet, der die Dankbarkeit aller Freunde und Ausübenden der Wissenschaft und vor allem all derer verdient, die sich zur Arbeit an der Enzyklopädie zusammengefunden haben.

Monika: Ich glaube fast, Sie sehen Ihre eigene Arbeit etwas zu bescheiden. Was sagen Sie als Biograph dazu, Mr Grimsley?
Ronald Grimsley: d'Alemberts frühe Tätigkeit war viel ausgedehnter und einflußreicher als der Titel des Werkes oder seine eigenen bescheidenen Angaben glauben machen. Sein Name wurde angeführt, um auch den skeptischsten Gelehrten davon zu überzeugen, daß zumindest ein Teil des Vorhabens mit der entsprechenden intellektuellen Tiefe durchgeführt wurde...

d'Alembert [unterbricht]: Genug der schmeichelnden Worte.

Monika Bargmann: Sie waren selbst aufgrund Ihrer wissenschaftlichen Verdienste Mitglied der Academie Royale des Sciences de Paris, der preußischen Akademie der Wissen-schaften und der Königlichen Gesellschaft in London. Was würden Sie sich für solche Gelehrtenvereinigungen wünschen?
d'Alembert: Derartige Vereinigungen müssen einem Staat großen Gewinn bringen, vorausgesetzt, daß man nicht durch übermäßig viele Neugründungen einer allzu zahlreichen Mittelmäßigkeit in ihnen verschafft. Man dürfte in ihnen keinerlei Standesunterschiede anerkennen, da diese zur Fernhaltung oder Abschreckung derjenigen Männer führen würde, die zur Belehrung der anderen berufen sind; man dürfte nur die geistige Überlegenheit dort gelten lassen und Hochachtung als Preis für die Leistung erweisen, und schließlich müßten die Begabten in Besitz von Auszeichnungen kommen, ohne daß irgendwelche Intrigen sie ihnen wieder vorenthalten.

Monika Bargmann: Warum haben Sie sich eigentlich 1758, nach dem Erscheinen Ihres Artikels "Genève", von der Herausgeberschaft zurückgezogen?
d'Alembert: Erinnern Sie mich bitte nicht an diese unangenehme Sache.

Monika Bargmann: Aber Herr d'Alembert, unser Publikum ist sehr interessiert an Ihren Beweggründen. Ihr Artikel sorgte, wie wir erfahren haben, für große Aufregung, weil Sie das herrschende Theaterverbot in Genf kritisierten und gleichzeitig die religiöse Toleranz in der Stadt lobten...
d'Alembert: Das stimmt. Ich ergriff Partei für den nicht angesehenen Schauspielerberuf und für das Theater als sozialpädagogisches Instrument. Sowohl in Genf als auch in ganz Frankreich erregte mein Artikel den heftigsten Widerspruch. Sogar Jean-Jacques Rousseau fühlte sich bemüßigt, eine heftige Entgegnung zu verfassen, in der er das Theater als Quell des Sittenzerfalls brandmarkte und sich von uns Enzyklopädisten gänzlich lossagte. Der Kampf mit den politischen Gegnern und die ständige Gefahr staatlicher Sanktionen hatten mich zermürbt. Daraufhin legte ich meine Herausgeberschaft zurück, ließ mich aber überzeugen, weiterhin die Artikel in der Mathematik und Physik zu übernehmen. Auch unser Kollege Voltaire stellte die Mitarbeit ein.

Monika Bargmann: Was haben Sie denn über den Schauspielerstand geschrieben, das Herrn Rousseau so aufregte?
d'Alembert: Das barbarische Urteil gegenüber dem Beruf des Schauspielers, die von uns bewirkte Herabwürdigung dieser Menschen, die für den Fortschritt und die Erhaltung der Künste so notwendig sind, ist eine der Hauptursachen für die Sittenlosigkeit, die wie ihnen vorwerfen; denn sie versuchen, sich durch Vergnügungen dafür zu entschädigen, daß ihr Stand sich keinerlei Achtung verschaffen kann. Bei uns wäre ein Schauspieler, der gute Sitten hat, doppelt hochzuachten; doch ist man ihm dafür kaum dankbar. Der Steuerpächter, der der öffentlichen Armut Hohn spricht und von ihr zehrt, ein Höfling, der kriecht und seine Schulden nicht bezahlt: das ist der Menschenschlag, den wir am meisten ehren.

Monika Bargmann: Der Geistlichkeit des calvinistischen Genf haben Sie vorbildliche Sitten attestiert, während der Klerus in der Enzyklopädie an vielen anderen Stellen nicht gut wegkommt. Wieso?
d'Alembert: Die Geistlichkeit von Genf hat tatsächlich vorbildliche Sitten. Die Priester leben in großer Einigkeit; man sieht sie nicht wie in anderen Ländern erbittert über unverständliche Dinge streiten, sich gegenseitig verfolgen, in ungehöriger Weise bei den Gerichten verklagen. Die Geistlichen sind in Genf mehr als tolerant: Sie beschränken sich einzig und allein auf ihre Aufgaben und geben als erste den Bürgern ein Beispiel in der Unterwerfung unter die Gesetze.

Monika Bargmann: Damit implizieren Sie, nein, Sie sagen eigentlich recht explizit, daß dies beim Klerus in Ihrem eigenen Land nicht so ist. Zum Abschluß noch eine Frage: Wie sehen Sie das Verhältnis von Philosophie und Theologie?
d'Alembert: Obwohl die Religion ausschließlich zur Regelung unserer Sitten und unseres Glaubens bestimmt ist, hielten sie manche Theologen dafür geeignet, uns auch über die Weltordnung aufzuklären, also über diejenigen Gebiete, die uns der Allmächtige mit voller Absicht als Streitfragen überlassen hat. Auf diese Art zwang man durch den Mißbrauch der vereinten geistigen und weltlichen Autorität die Vernunft zum Schweigen; und es fehlte nicht viel, um der Menschheit auch das Denken zu verbieten. So sinnlos übrigens eine Religion auch sein mag, ist ihr Untergang doch nie den Philosophen zuzuschreiben; denn wenn diese auch die Wahrheit lehren, begnügen sie sich doch damit, sie zu zeigen und zwingen niemand, sie anzuerkennen. Die erleuchteten Männer klären das Volk auf; die begeisterten Schwärmer führen es in die Irre.

Monika Bargmann: Herzlichen Dank für das erhellende Gespräch, Monsieur d'Alembert. Kommen wir zu Ihnen, Chevalier de Jaucourt. Sie haben insgesamt unfaßbare 17.000 Artikel und damit etwa ein Viertel des Gesamttextes verfaßt. Wurden Sie dafür eigentlich entsprechend entlohnt?
Jaucourt: Ich bekam für meine Arbeit, die sich auf so unterschiedliche Gebiete wie Medizin, Politik, Naturgeschichte, Geographie, Geschichte und Literatur erstreckte, insgesamt 2750 livres - in Büchern - ausbezahlt. Ich mußte sogar mein Haus verkaufen, um Sekretäre zu bezahlen, die für die fristgerechte Herstellung der Manuskripte sorgten.

Monika Bargmann: Monsieur Jaucourt, Sie sprechen sich in Ihrem Artikel "Presse" vehement für eine freie Presse nach dem Beispiel Englands auch für das absolutistisch regierte Frankreich aus. Können Sie uns das genauer erklären?
Jaucourt: Gerne. Man fragt, ob die Freiheit der Presse für einen Staat vorteilhaft oder nachteilig sei. Die Antwort darauf ist nicht schwierig. Es ist von größter Bedeutung, diese Gepflogenheit in allen Staaten zu bewahren, die auf der Freiheit gegründet sind; ja noch mehr: Die Nachteile dieser Freiheit sind ihren Vorteilen gegenüber so unbedeutend, daß sie das allgemeine Recht der ganzen Welt sein sollte und daß es zweckmäßig ist, es in allen Regierungen zuzulassen. Schließlich kann doch in einem Land, wo sich die Regierung in einem Zustand der Unabhängigkeit befindet, nichts den Aufruhr und die Schmähschriften dermaßen vermehren, als wenn man den nicht gutgeheißenen Druck verbietet oder irgend jemandem unbegrenzte Vollmachten gibt, als zu bestrafen, was ihm mißfällt.

Monika Bargmann: Ähnliche Ansichten vertreten Sie in Ihrem Artikel "Libelle" - "Schmähschrift"...
Jaucourt: Das stimmt. Wenn die Lenker eines Staates keinen realen Anlaß zur Kritik ihres Verhaltens geben, so haben sie von der Verleumdung und Lüge nichts zu befürchten. Erhaben über jeden Vorwurf gehen sie zuversichtlich ihren Weg und scheuen sich nicht, Rechenschaft über ihre Amtsführung abzulegen: Die Pfeile der Satire fliegen also über ihre Köpfe hinweg und fallen vor ihren Füßen nieder. Es wäre verkehrt, vom Mißbrauch einer Sache auf die Notwendigkeit ihrer Vernichtung zu schließen. Die Völker haben großes Unrecht von seiten ihrer Könige und ihrer Richter erlitten; aber muß man aus diesem Grunde das Königtum und die Gerichtshöfe abschaffen? Jedes Gut ist gewöhnlich von einem Nachteil begleitet und läßt sich nicht von ihm trennen. Es gilt nur zu bedenken, was ausschlaggebend ist, und sich für den größeren Vorteil zu entscheiden.

Monika Bargmann: Zu Ihrer Zeit wurde die Folter zuweilen in Strafprozessen angewandt. Auch dagegen sprechen Sie sich aus...
Jaucourt: Ganz abgesehen von der Stimme der Menschlichkeit, erfüllt die Folter nicht den Zweck, zu dem sie bestimmt ist. Ganz im Gegenteil: sie ist eine zuverlässige Erfindung, um einen Unschuldigen von schwacher und zarter Konstitution zugrunde zu richten und einen Schuldigen von kräftiger Konstitution zu retten. Jener Unglückliche, den Sie der Folter aussetzen, denkt weniger daran, auszusagen, was er weiß, als sich von dem zu befreien, was er verspürt.

Monika: Kommen wir zu Ihnen, Mr Darnton. Ich werde Sie unserem Publikum kurz vorstellen. Sie wurden 1939 in New York geboren, besuchten die Universitäten Oxford und Harvard und lehren derzeit Geschichte an der Princeton University. In mehreren bedeutenden Werken haben Sie sich mit der Enzyklopädie und dem Frankreich vor der Revolution beschäftigt. Ich nenne da zum Beispiel "Glänzende Geschäfte. Die Verbreitung von Diderots Encyclopedie oder: Wie verkauft man Wissen mit Gewinn?"
Die Enzyklopädie war in vielen Punkten eine sensationelle Neuerung. Da wären zum Beispiel das geschickte Verweissystem, der Stammbaum der Wissenschaften, der die Theologie unmittelbar neben der Schwarzen Magie und dem Aberglauben plaziert, die Tatsache, daß dieses Werk trotz seines Umfanges und Preises ein veritabler Bestseller wurde, und eben das große Augenmerk auf Handwerk und Gewerbe, worüber uns Monsieur d'Alembert schon freundlichst Auskunft erteilt hat. Können Sie uns noch etwas über diese Neuerungen sagen?
Robert Darnton: Dieses Buch war gefährlich. Es lieferte nicht lediglich Wissen über Alles von A bis Z; es zeichnete die Kenntnisse nach philosophischen Prinzipien auf, die d'Alembert in der "Einleitenden Abhandlung" dargelegt hatte. Unter der Masse der 28 Foliobände der Enzyklopädie mit ihren 71.818 Artikeln und 2885 Tafeln liegt ein erkenntnistheoretischer Richtungswechsel, der die Topographie allen menschlichen Wissens verwandelte. Ein Philosoph, der den Versuch unternahm, die Grenzen der Welt des Wissens neu zu ziehen, mußte mit Tabus in Berührung kommen. Selbst wenn er sakrosankte Gegenstände vermied, konnte er der Gefahr nicht aus dem Weg gehen; denn das Wissen ist inhärent mehrdeutig. Der Bruch mit den etablierten Begriffen von Wissen und geistiger Autorität machte die Enzyklopädie so ketzerisch. Hatten die Leser einmal diesen Bruch vollzogen, so konnten sie durch das Werk verbreitet kleinere Ketzereien wahrnehmen. Es wurde ein Spiel, sie zu finden.

Monika Bargmann: Aber wie konnte man diese Ketzereien an den Zensoren vorbeischmuggeln? Der vielzitierte Verweis vom Eintrag "Anthropophagie" - "Menschenfresserei"  zu den Artikeln "Kommunion" und "Eucharistie" ist doch ziemlich, sagen wir mal, unorthodox und auffällig. Ah, jemand aus dem Publikum möchte zu uns sprechen.
Günter Berger: Danke, daß Sie mir das Wort erteilen. Ich bin Herausgeber eines Buches mit ausgewählten interessanten Artikeln der Enzyklopädie. Man mag sich heute noch über Diderots Kühnheit wundern, der sehr offen über das Verweissystem sprach, über die Kühnheit, die ja die Zensur geradezu auf dem Plan rufen mußte. Doch einschränkend gilt es zu bedenken, daß schon vier Bände auf dem Markt waren, bevor die Öffentlichkeit so eindeutige Informationen über die Funktion der Querverweise erhält. Außerdem sprengt jene subversive Form der Verweise fast immer die Grenzen eines Bandes; innerhalb eines Bandes finden wir dagegen in der Regel nur harmlose Verweise. Da aber die ersten sieben Bände bis zum Entzug des Privilegs immer einzeln den Zensoren vorgelegt werden, weil sie einander in gewissem zeitlichem Abstand folgen, sind den Zensoren die Hände gebunden, es sei denn, sie verfügten im Blick auf zukünftige Bände über prophetische Gaben oder riskierten es im Rückblick auf bereits erschienene, ihr positives Urteil zu revidieren und sich damit lächerlich zu machen.

Monika Bargmann: Danke für die Erklärung, Herr Berger. Herr Eybl, Sie haben sich als Professor für Germanistik mit Buchgeschichte allgemein und auch speziell mit der Enzyklopädie befaßt. Was sagen Sie zu den geschickt plazierten Querverweisen?
Franz Eybl: Die zum Teil subversiven Querverweise mit ihren Sackgassen oder Ironien konnten in der Forschung als Umgehungsversuch der Zensur, als ästhetische Verwirrungstechnik etc. beurteilt werden, stellen in jedem Falle aber ein Verfahren dar, das die philosophische Souveränität zum Ausdruck bringt. Das - so die Vorrede - unendliche System des Wissens ist in Wahrheit das endliche eines abgeschlossenes Buches, doch mittels der Querverweise ergibt sich die unendliche Kombinationsmöglichkeit des endlichen Wissens.

Robert Darnton: Ich möchte noch etwas zu dem Stammbaum des Wissens sagen. Diderot und d'Alembert wichen an mehreren bedeutsamen Stellen von Bacon ab. Indem man ihre Landkarte über die seine legt, lassen sich Verschiebungen in der Topographie des Wissens erkennen, die als Schlüssel zum Verständnis der Strategie dienen können, die der Encyclopédie zugrunde lag. Die mechanischen Künste besetzten einen riesigen Bereich des enzyklopädischen Baumes und bildeten den umfangreichsten und originellsten Teil der Encyclopédie selbst. Diderot und d'Alembert suchten nicht nach der Hand Gottes in der Welt, sondern studierten lieber die Menschen bei der Arbeit, mit welcher sie ihr eigenes Glück schmieden. Die größten Unterscheidungen waren aber im Bereich der Philosophie zu finden. Bei dem Baum der Enzyklopädie war die Philosophie nicht so sehr ein Zweig als vielmehr der Hauptstamm selbst. Und aus ihr wuchs auf einem recht entfernten Ästlein die "Offenbarungstheologie", und zwar inmitten einer Traube zweifelhafter Gegenstände: "Aberglauben", "Wahrsagerei", "Schwarze Magie", "die Wissenschaft von guten und bösen Geistern". In der Kartographie des Wissens hatte sich eine neue Dimension herausgebildet. Die Bedeutung steckte in der Form, und die Morphologie wurde zur Ironie.

Monika Bargmann: Mr Darnton, Sie haben sich besonders ausführlich mit dem kommerziellen Erfolg der Enzyklopädie befaßt. Wie weit verbreitet war denn dieses 28bändige Werk, das mit 980 livres mehr als den Jahreslohn eines Arbeiters kostete, und wie sehr profitierten die Verleger davon?
Robert Darnton: Die Verleger machten ein Vermögen damit. Sie werden einen Gewinn von 2.500.000 livres eingestrichen haben. Für das 18. Jahrhundert sind das aufsehenerregende Summen...

Monika Bargmann:... vor allem, wenn man bedenkt, daß Diderot, der zwanzig Jahre lang an dem Werk arbeitete und keine geringe Zeitspanne die alleinige Herausgeberschaft innehatte und damit auch die Verantwortung über das Gesamtwerk trug, mit gerade mal 80.000 livres abgespeist wurde.
Robert Darnton: Exactly. Zu den Auflagen: Alle Druckerpressen der Verleger druckten vor 1789 etwa 24.000 Exemplare der Enzyklopädie. Zumindest 11.500 davon erreichten die Leser in Frankreich. So wurde die Enzyklopädie zum Bestseller im Lande ihres Ursprungs, wo sie auch die meisten Verfolgungen zu erleiden hatte.

Monika Bargmann: Wir haben noch eine Minute Sendezeit. Möchte jemand noch etwas sagen?
Wolf In der Maur: Die Enzyklopädie ist das umfassendste, kritischeste und aggressivste Kompendium der Aufklärung.

Monika Bargmann: Herr In der Maur, danke für diese Schlußworte. Wertes Publikum, ich bedanke mich ganz herzlich, daß Sie heute hier dabei waren. In der nun folgenden Ausgabe von "Schönheiten des Schwabenlandes" steht eine Reportage über Vorderbüchelberg auf dem Programm. Auf Wiedersehen, bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt "Informationsethik aktuell"!

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Alle Informationen und Zitate stammen aus den folgenden Büchern und wurden von mir ausgewählt, zusammengefügt und (mit so geringen Änderungen wie möglich) angepaßt, teilweise auch von mir übersetzt.

  • d'Alembert, Jean le Rond: Einleitung zur Enzyklopädie. Hamburg: Meiner 1997
  • Berger, Günter (Hrsg.): Jean le Rond d'Alembert, Denis Diderot u.a.: Enzyklopädie. Eine Auswahl. Mit einem Essay von Roland Barthes. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 1989
  • Darnton, Robert: Das große Katzenmassaker. Streifzüge durch die französische Kultur vor der Revolution. München: Hanser 1989
  • Darnton, Robert: Literaten im Untergrund. Lesen, Schreiben und Publizieren im vorrevolutionären Frankreich. München: Hanser 1985
  • Darnton, Robert: Glänzende Geschäfte. Die Verbreitung von Diderots Encyclopedie oder: Wie verkauft man Wissen mit Gewinn? Berlin: Wagenbach 1993
  • Eybl, Franz M.: Das Buch als Gegenstand der Forschung. Skriptum zur Vorlesung des Sommersemesters 1997 am Institut für Germanistik der Universität Wien
  • Eybl, Franz M.: Aufklärung als Bücherkampf. Medienhistorische Lektüren zur Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts. Skriptum zur Vorlesung des Sommersemesters 2000 am Institut für Germanistik der Universität Wien
  • Grimsley, Ronald: Jean d'Alembert (1717-83). Oxford: Clarendon Press 1963
  • In der Maur, Wolf: Die französische Revolution.Wien: hpt 1988

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